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Fett? Ja! Fetisch? Nein! Ein Text von Rhea Krcmárová

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Ach, und woher kennt IHR euch? Bei Rhea und mir eine wirklich gute Story.
„Och, vom Dominaseminar.“ Wie so oft: reine Recherche, versteht sich. Auch Rhea schreibt über Sex, allerdings in Größe 52. Macht das jetzt so einen Unterschied, dass man es speziell erwähnen solie Gesetzbücher füllen, sondern ganz von normalen menschlichen Lustbringern. Ihnen treibt der Anblick von blondem Haar das Blut in Richtung Genitalien? Fein. Sie mögen Ihre PartnerInnen eher zierlich? Whatever. Sie sind ein Herr (oder eine Dame), die ihre weiblichen Bekanntschaften mit Größe 42 oder mehr bevorzugt? Pfui, Sie perverse/r Fetischistin, Sie.
lte? Das erzählt sie heute am besten selbst.

Fett? Ja! Fetisch? Nein!

Ein Text von Rhea Krcmárová

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Die lieben Vorlieben. Wir alle haben sie. Interessant ist, dass manche Präferenzen immer noch ziemlich tabu sind, und ich rede nicht von Dingen, die zu Recht d
Manchmal kommt mir vor, die Liebe zu molligen bis dicken Damen (und, wenn auch in viel geringerem Ausmaße, zu wohlbeleibten Herren) ist eines der letzen Tabus unserer ach so aufgeklärten Ära. Ich schreibe das nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch, weil mir das Phänomen bei meiner Recherche zu meinem Roman Venus in echt  ähem, massiv untergekommen ist.

Dabei gibt es nicht wenige Herren (und Damen, wobei das jetzt nicht wirklich mein Spezialgebiet ist), die gerne mit runden Frauen schlafen. Manche haben eine richtige Vorliebe fürs kurvige Fach, andere legen sich in Sachen Sexpartner-Dimensionen gar erst nicht fest, oder sie stehen an sich mehr auf Schlanke, verfallen aber nicht gleich in Panik, wenn ihn mal eine Dame bezaubert, die sonst so gar nicht ihrem Gusto entspricht. Ich habe Größe 50/52, und trotzdem nicht weniger Treffer auf Tinder als meine dünnen Freundinnen, und das dumm angemacht werden auf der Straße und in Clubs bleibt mir auch nicht erspart.

Besonders krass aufgefallen ist mir die vorhandene Vorliebe für Frauen wie mich übrigens vor ein paar Jahren. Ich war in Sachen literarischer Recherche auf einer Party unterwegs, genauer gesagt auf einem Faschingsfest in einem Saunaclub im Ostösterreichischen. Anwesend diverse Herren in Bademantel, ca. 50 oder mehr diensthabende Damen in neckischen Dessous auf ihren schlanken bis superschlanken Leibern, und, unter sie gemischt (und nur mit Maske, High Heels und mit diversen Schichten Spitze fast schon blickdicht bekleidet) die Autorin dieser Zeilen, sich fragend, wie sie den Ausflug dereinst dem Literaturnobelpreiskomitee erklären soll. Obwohl ich versucht habe, so gut es geht mit dem Hintergrund zu verschmelzen, meine Tarnung als „liebende Freundin recherchiert potentielles Geburtstagsgeschenk für den Lover“ nicht auffliegen zu lassen und ja keinen falschen Eindruck zu erwecken, fanden sich an besagtem Abend doch einige Herren, die meine Kurven den Modelkörpern der Professionellen vorgezogen hätten, schüchtern um mögliche Liebesdienste anfragten und enttäuscht von dannen zogen.

Wenig überrascht von meiner Beobachtung zeigte sich der damalige Chef des Etablissements bei der Nachbesprechung meines Besuchs. Alexander Gerhardinger (interessanterweise promovierter Soziologe) erzählte mir, die runden „Mädchen“ (Szene-Slang für Prostituierte) zählten zu den Spitzenverdienerinnen in seinen Betrieben. Dabei täten sich die Professionellen in Clubs leichter, wo sie die Anwerbung zumindest teilbekleidet verrichten durften. In den Saunaclub, wo die Königinnen der Nacht im Normalbetrieb nicht viel mehr als turmhohe Hartplastik-Plateausandalettchen trugen, fanden die kurvigen Sexarbeiterinnen ihren Weg nur selten. Sie blieben teils aus Scham weg und weil sie sich mit der superschlanken Kolleginnen verglichen, aber auch, weil die weniger üppige Konkurrenz den Schwer-Verdienerinnen gegenüber angeblich relativ biestig war. Dabei wurde Gerhardinger wieder und wieder von Freiern angesprochen, die sich mehr runde Anbieterinnen wünschen. Diese Gespräche fanden, so erzählte er mir, allerdings nie draußen im Club statt. Egal ob die Herren alleine oder mit einer Gruppe gleichgesinnter im Puff angetanzt kamen, das Verlangen nach drallen Damen wurde immer unter vier Augen geäußert, im nüchtern eingerichteten Büro des Nachtclubchefs, von Mann zu Mann.

Diese Episode illustriert wunderbar das Dilemma der Plus-Frauen: es gibt nicht wenige Menschen, die uns sexy finden. Nur stehen ziemlich viele nicht dazu.

Nicht, dass mich das wundert. Das Thema Gewicht ist in unserer Gesellschaft mit einem starken Stigma verbunden. Nirgendwo sieht man das am besten wie in den Mainstream-Medien. Zwar gab es in den letzen Jahren eine Handvoll freundlicher Reportagen über fette Fashionistas und Bloggerinnen. Das Bild der Durchschnitts-Dicken ist aber immer noch ein anderes, nämlich das der verfressenen Sozialhilfeempfängerin, in echt oder durch diverse Komikerinnen dargestellt, oder das der unter ihren Kilos leidenden, sich selbst hassenden Biggest Loser-Kandidiatin. (Wieso es eigentlich immer noch so viele ansonsten intelligente Menschen gibt, die sich solche menschenverachtenden Freakshows nicht nur anschauen, sondern allen Ernstes auch noch „wichtig“ und „inspirierend“ finden, sollte man gesondert untersuchen).

Selbst bei Künstlerinnen wie Adele oder Beth Ditto können die JournalistInnen sich nicht auf die musikalischen Qualitäten konzentrieren, sondern müssen fast immer irgendwelche ausgelutschten Anspielungen an ihre Figur loswerden.

Die Gründe für die Fett-Verachtung in unserer Gesellschaft sind vielfältig, und Fatpositivity-AktivistInnen und ihre Verbündeten füllen zurecht Bücher damit .

Gerade in den USA, in einem Klima puritanischer Sozialmoral, wird den Dicken unterstellt, faul, gierig, dumm und auch sonst „sündig“ zu sein. Klischees, die leider auch den Weg in die Köpfe der Europäer gefunden haben. Dazu kommt das unermüdliche Lobbying der mächtigen Diätindustrie (alleine für Europa erwartete man im Jahr 2015 einen Umsatz von 216 Milliarden USD), lückenhafte bis falsche Berichterstattung zum Thema Gewicht und Gesundheit, Aktionismus von oft mangelhaft informierten Gesundheitspolitikern und –Innen, mediengeile und geldgeile Promis, die sich auf dem Rücken der Dicken profilieren wollen, und die Tatsache, dass viele Menschen immer noch in hierarchischen Denkmustern gefangen sind und jemanden „unter sich“ brauchen, dem sie sich moralisch überlegen fühlen können. Schon haben wir eine giftige Mischung, die aus dicken Menschen (Frauen noch mehr als Männern) Parias unserer modernen Leistungsgesellschaft machen, mit verheerenden Folgen für nicht wenige dieser Menschen und ihr Liebesleben.

Abgesehen davon, dass das Klima dicken Menschen (vor allem Frauen) oft das Selbstertrauen raubt, entsteht ein Statusproblem, dass es weniger mutigen Männern schwer macht, zu ihren Vorlieben zu stehen. Dass gerade attraktive, erfolgreiche Herren eine dicke Freundin haben können, scheint in den Augen vieler nahezu unmöglich. Sie glauben mir nicht? Dann lesen Sie einfach nur irgendeinen Artikel über Pierce Brosnan und seine Keely. Hätte ich zehn Euro für jeden Text, in dem behauptet wird, der Ex-007 liebe seine Frau nicht wegen, sondern trotz ihrer Figur, könnte ich mir ein Chanel-Kostümchen von Herrn Karl höchstpersönlich handnähen lassen.

Dieses Stigma führt einerseits dazu, dass dicke Frauen, die einen feschen Kerl abkriegen, sich permanent verteidigen, müssen und ihren Partner auch. (Spannend ist übrigens, dass der Fetisch-Vorwurf umso schneller kommt, desto unterschiedlich das Objekt der Begierde von einem selbst ist. Einem Bodybuilder, der auf dralle Damen steht, kommt man viel eher mit der Perversionskeule als einem Kerl, der selbst stolzer Besitzer eines Waschbärbäuchleins ist.)

Anderseits führt es zu einem sehr unhübschen Phänomen, nämlich dem des closeted fat admirers, also dem Freund üppiger Rundungen, der seine Vorlieben nur heimlich auslebt. Der Typ Mann also, der mir bei einer Party lang und breit schwört, er könne nie und nimmer mit einer Frau wie mir, und was würden seine Freunde denken, und überhaupt, und dann keine zwei Bierchen später versucht, mich ins Bett zu bekommen – und sehr verwundert darüber ist, dass es bei mir nicht den Hauch einer Chance hat.

Dabei ist der Sex mit dicken Menschen ist in der Regel nicht anders als mit den Schlanken (vielleicht abgesehen davon, dass manche athletischen Hebefiguren wegfallen und einige Menschen bei ein paar Positionen je nach speziellen Körperbau ein bisschen erfinderischer sein müssen). Sieht man sich durch die Mainstream-Pornos der Kategorie Plus Size durch, sieht man das mehr als bestätigt.

 

Aber was genau ist es, dass Menschen an Frauen wir mir anturnt? Flapsig formuliert: manche liegen einfach gerne weicher. Meiner Erfahrung und Recherche nach mögen Liebhaber und – innen das Gefühl, sich an einen weichen runden Körper zu kuscheln, unsere glatte, sanfte Haut, unsere (oftmals) üppigen Oberweiten und Rückseiten und nicht selten auch unsere runderen Gesichter. Das ist nicht besser oder schlechter als der Sex mit schlanken Menschen, sondern einfach eine Vorliebe, nicht mehr und nicht weniger. Dazu kommt, dass rundere Menschen, die in Frieden mit ihrem Körper leben, oft auch entspannter essen als eine Kleidergröße 34 im Dauerdiät-Modus, und auch ihren Tischpartnern nicht ständig vorwurfsvoll aufs Steak starren (mehr als ein Mann hat sich bei mir über „Salatterroristinnen“ beschwert, die ihm die ganze Freude am Essen genommen haben).

Und ja, es gibt auch XXL-Fetischpraktiken, und zwar zweierlei Art. Die „klassischen“ Fetische sind allerdings wirklich nur ein Nischending. Nicht nur, weil die meisten Plus-Frauen nicht so wahnsinnig viel mit Squashing, Feeding oder dem Stuck-and-Break-Fetisch anfangen können (sicher, jedem Tierchen sein Plaisierchen und so, aber meins ist es nicht, und ich finde es relativ albern, anzunehmen, dass sich mit der Figur auch automatisch die sexuellen Vorlieben der Frauen ändern). Für diese Spielarten braucht es Frauen, die wirklich, wirklich üppig sind, geschätzte 150 oder 200 Kilo aufwärts, und das ist sogar in den USA eine ziemliche Ausnahme. (Ex-Bordellchef Gerhardinger erzählte mir, dass diese Praktiken in seinen Clubs nicht angeboten wurden, einfach, weil für Facesitting & Co sogar die üppigsten „Mädchen“ zu dünn waren).

Häufiger kommt schon vor, dass Männer Plus Size-Frauen nur auf ihren Körper reduzieren, und gar nicht auf den Menschen hinter den Kurven interessiert sind. Davon können Bloggerinnen und Models ein Lied singen, die ihre Fotos als Inspiration in Sachen body love ins Netz stellen und sie dann auf diversen Fetisch-Seiten auf Tumblr & Co wiederfinden. Dabei wäre ja nichts dagegen zu sagen, wenn ein Mann einfach nur hübsche Fotos von üpigen Damen sammelt. Das Problem ist oft die Mentalität dieses Schlags an Kurvenlovern, dessen Fetischdenken oft mit einer unguten Portion an Selbstüberschätzung und Anspruchsdenken daher kommt. Diese Männer sind oft überzeugt, dicke Frauen müssten ihnen für jede Art von Aufmerksamkeit direkt dankbar sein, egal wie ungut oder plump. Kein Wunder also, dass viele Frauen allzu enthusiastischen fat admirern skeptisch gegenüberstehen.

Die gute Nachricht ist, dass sich das Klima langsam ändert, auch dank Plus Size Modeblogs, Bodylove-Aktivistinnen  und der Health At Any Size-Bewegung, wo ExpertInnen aus den Bereichen Forschung, Medizin, Psychologie und Ernährung den Mainstream-Wissensstand in Frage stellen und neue Wege und Zugänge finden. Immer mehr dicke Menschen brechen aus einem Leben voller Diäten (die sie ironischer Weise meist nur dicker machen und alles andere als gesund sind) und Selbsthass aus, und lernen, sich genauso zu lieben, wie sie sind. Und sie entdecken auch die Vorzüge ihrer Kurven, und des Vergnügens, das man an seinem eigenen Körper haben kann. XL-Dessous-Expertin Chrystal Bougon  brachte es auf der Body Love Conference 2014 auf den Punkt: „Wie kann ich einen Körper hassen, der mir so wundervolle Orgasmen verschafft?“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
Außer vielleicht: holt euch Rheas wunderbares Buch Venus in Echt!

 

Text und Autorenfoto: Rhea Krcmárová  (c) Venusinecht.com

Titelfoto: Aaron Tsuru (c) Tsurufoto.com

Der Beitrag Fett? Ja! Fetisch? Nein! Ein Text von Rhea Krcmárová erschien zuerst auf Lvstprinzip.


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