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Tschüssikoffski, Pille – meine Zweitpubertät und ich

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Ich habe nach 15 Jahren die Pille abgesetzt. Seitdem ist mein Leben deutlich unterhaltsamer geworden. Wie an so peinlich vielen meiner impulsivsten Lebensentscheidungen auch an dieser nicht ganz unbeteiligt: ein Mann.

„Wir haben doch noch so viel Zeit miteinander, das kannst du dir gar nicht vorstellen“ antwortet er auf meinen Einwand, ich wäre mir da jetzt noch gar nicht so sicher, ob das denn jetzt so schnell mit uns gehen müsse, woraufhin wir selbstredend begeistert unsere Körperteile ineinander stecken. Damit sollte er mittelfristig recht behalten, denn vier mal Sex, ein paar laute Überlegungen seinerseits, in meine Stadt zu ziehen, und weitere zwei Tage später teilt er mir mit, dass ich das wahrscheinlich falsch verstanden hätte mit dem Wiedersehen, aber nichts für ungut.

Probier´s doch mal mit diesem Onlinedating, hatten sie gesagt, dort lernt man schnell nette neue Menschen kennen, hatten sie gesagt. Ich war wütend. Darauf, dass ausgerechnet ich, die man jetzt wirklich nicht mit irgendwelchen Liebesschwüren ins Bett labern muss, auf diesen sexualmoralisch fragwürdigen Blödsinn hereingefallen ist.

Aber vor allem auch darauf, dass die Dinge nicht zu meinen Bedingungen passiert waren. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen kann sich auch einvernehmlicher Sex im Nachhinein ziemlich nach Grenzüberschreitung anfühlen. Wochenlang fühle ich mich wie betäubt. Renne bei den Partnerübungen aus der Yogastunde, weil ich weiß, dass ich sofort zu heulen anfangen werde, sobald ich jemanden anfassen soll. Und nein, „du als Sexkolumnistin solltest sowas doch lockerer sehen“ ist wirklich kein Satz, der in dieser Situation hilft.

Was dagegen hilft: Wunden lecken, STD-Test machen, Tinder deinstallieren. Eine Leserin nennt es „Dating Sabbatical“, ich nenne es „klarkommen“. I´ve had it with being had, schreibt Sophie Fontanel in „The Art of Sleeping Alone“ und ich weiß so genau, was sie meint. Ich habe keine Lust mehr darauf, verfügbar zu sein, fickbar zu sein, locker zu sein, zu funktionieren.

Und dann ist meine Pillenpackung leer. Pflichtbewusst rufe ich meine Frauenärztin an, hole mir mein Rezept ab, wie ich es die letzten 15 Jahre getan habe. Und dann liege ich im Bett. Und denke mir irgendwie: nö.

Mit 23 hatte ich mit dem Frauenarzt, der mich schon aus meiner Mutter herausgezogen hat, nach einer Trennung darüber gesprochen, die Pille abzusetzen. „Möchten Sie denn schwanger werden?“ fragte er mich. „Dann nehmen Sie´s bitte weiter. Der nächste Mann kommt bestimmt, und solche Hormonschwankungen sind schlecht für den Körper.“ Es kamen nächste Männer, aber keiner, mit dem ich ohne Kondom hätte verhüten wollen. Ich habe also unterm Strich sieben Jahre lang grundlos Medikamente im Gegenwert einer siebenwöchigen Asienreise genommen – aufgrund einer medizinischen Information, die sich inzwischen übrigens ebenfalls als veraltet herausgestellt hat.

Lange hatte ich hormonelle Verhütung mit Freiheit assoziiert. Als Ausdruck meiner Selbstbestimmung, mit der ich schon seit Jahren auf diese bescheuerte und medizinisch übrigens ebenfalls komplett sinnlose Pillenpause verzichtet hatte. Es hatte mir ein Gefühl der Überlegenheit gegeben, nicht zu bluten. „Are you on your period?“ fragte mich mal ein Typ, nachdem ich ihm auf sein „How are you?“ erzählt hatte, das mein Umzug irgendwie anstrengend und ich ganz schön müde deswegen sei. Bitch please, von wegen, hatte ich mir in diesem Moment nur gedacht. Ich doch nicht. Ich steh da drüber.

Jetzt frage ich mich: wessen Verwertungslogik habe ich mich da eigentlich unterworfen? Und war sie am Ende gar, Schluck: inhärent misogyn?

Dass mein Bauchgefühl eventuell richtig sein könnte, merke ich daran, wieviel Angst mir die Entscheidung macht. Ich habe eine Freundin, deren Ehe daran zerbrochen ist, dass sie die Pille abgesetzt hat weil sie schwanger werden wollte und den Typen nicht mehr riechen konnte. Als ich angefangen habe, Hormone zu nehmen, habe ich zum Kurt Cobain Poster über meinem Bett masturbiert und mir Maxi-CDs gekauft und in D-Mark bezahlt. Wer bin ich überhaupt, ohne das Zeug? Und will ich das wirklich sein?

Ich überlege mir die ganze Sache also reiflich – und mit „reiflich überlegen“ meine ich selbstredend, ich lese mir zwei Stunden lang Onlineforenkommentare durch, in denen Frauen davon berichten, dass ihnen auf einmal ein Schnauzer wächst und sie so rattig sind wie pubertierende 14jährige – und schmeiße am nächsten Morgen das Rezept in den Müll. Nach mir die Sinntflut, Bitches!

Tag 2: Ach, ich habe Brüste? Beim Kochen berühre ich mich zufällig selbst und finde das auf einmal gut – nach 20 Jahren, in denen sie mir rein sensorisch jetzt eher egal waren.

Tag 4: Laut diesem Internet ist heute der Tag, an dem die Hormone meinen Körper offiziell verlassen haben müssten. Wie auf Knopfdruck werde ich von einem Orgasmus geweckt. Ich habe Hunger. Aufs Leben und auf Sex. Das Birchermüsli mit Aprikosen schmeckt wie ein zweiter Orgasmus.

Tag 10: Auf einmal vertrage ich keinen Alkohol mehr? Nach zwei Weinschorlen dreht sich alles, ich stürze mich auf ein Stück gammlige Thunfischpizza und muss schon beim Abbeißen fast würgen. Say what, so war das aber nicht geplant! Ein Leben ohne betrunken-gammelige Thunfischpizza ist vielleicht grundsätzlich möglich, aber keines, das ich für besonders anstrebenswert halte.

Tag 13: Aha, ich habe Eierstöcke. Beim Yoga fangen sie an zu ziepen. „Das ist der Mittelschmerz!“ sagen meine schlauen Freundinnen, die derzeit einen Liveticker von meinem Ausfluss bekommen.  Was, jetzt schon? „Das Leben ohne Hormone ist ein besseres Leben“ sagt auch meine Freundin F, die ausgerechnet für einen Pharmakonzern arbeitet. Die meisten in ihrem Büro nehmen übrigens ausschließlich Homöopatika.

Tag 16: „Wenn das so eine Bauchentscheidung war, dann war die sicherlich richtig!“ sagt meine Frauenärztin, während sie meine, holla, echt immer noch ziemlich überempfindlichen Brüste abtastet. „Und der Sex ist WIRKLICH so viel besser!“ zwinkert sie hinterher. Das Yogaziepen war tatsächlich mein Eisprung. Sogar die Seite habe ich richtig gefühlt. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich das, wovon immer alle reden: Ich bin stolz darauf, eine Frau zu sein. Verrückte Welt.

Tag 19: Ich bin das „Ohne dich ist alles doof“-Schaf. Samstag: doof. Wochenmarkt: doof. Blumenstrauß kaufen: doof. Dem Mann, der mich anstrahlt und fragt, wo ich denn die schönen Blumen gekauft hätte, möchte ich „ach fick dich doch selbst!“ zurückrufen. „Und das ist übrigens PMS!“ sagen mir meine klugen Freundinnen. Mir scheißegal. Ich will Tomb Raider 2 spielen.

Tag 3 – 213: Diese Sex-Sache, was soll ich sagen. Als mir zum ersten Mal eine Freundin vom Pille-absetzen erzählte und meinte „du spürst dich viel mehr“ war meine Antwort „oh Gott, noch mehr? Ich bin doch jetzt schon überfordert!“. Und das stimmt. Ich bin hart überfordert. Allerdings mehr so auf die multiorgasmische Tour. In „Millie“ einem meiner Lieblingsbücher mit Anfang 20, schreibt Helen Walsh zwei Mal den denkwürdigen Satz „My cunt somersaults“ – meine Fotze schlägt einen Purzelbaum. Dieser Satz fällt mir jetzt wieder ein. Weil ich ihn nicht nur verstehe, sondern endlich auch fühle.

Auf Pille war meine Libido ungefähr so: Oh, ein attraktiver Mann kommt mir auf der Straße entgegen. Hmm ja, der ist wirklich ganz hübsch. Wer weiß, vielleicht wäre es eine prima Idee, eines Tages mit ihm unter ganz bestimmten Umständen zum Geschlechtsakt überzugehen.

Meine Libido ohne Pille: BOAHR IST DER HEISS, FICKEN?

Our libido is how we show up in life, hat auch mal irgendwer Kluges gesagt. Und ich trete tatsächlich anders auf. Durchsetzungskräftiger. Mutiger. Angreifbarer. Meine Sinne sind geschärft. Den Nachbar mit dem ekligen Aftershave rieche ich jetzt nicht mehr nur, wenn er mit mir im Aufzug steht. Ich rieche ihn auch im Flur, nachdem er schon zehn Minuten weg ist. Mein Essen schmeckt besser. Ich fange sofort an zu weinen, wenn ich einen behinderten Hund auf der Straße sehe. Ich spüre mich und die Welt um mich rum mehr.

Das altgriechische Wort Delphi leitet sich übrigens von Gebärmutter ab – die Orakel von Delphi lasen also direkt aus dem Bauchgehirn. Mein Bauchgehirn war die letzten 15 Jahre lang auf Tranquillizern. Und so habe ich anscheinend mit meinem Kopf versucht, Dinge zu regeln, für die eigentlich mein Bauchgefühl zuständig gewesen wäre – klar, dass da eben naturgemäß auch viel Blödsinn bei rumkommt.

Das ist okay. Keiner hat gesagt, dass die zweite Pubertät einfach wird – aber ich finde, sie lohnt sich. Ich lerne gerade ungefähr eine Milliarde Dinge pro Tag über meinen Körper. Ich finde es großartig, was er alles kann und weiß, und schockierend, wie wenig die meisten von uns über seine natürlichen Funktionen wissen.

Die kommenden Monate probiere ich auch deshalb Daysy
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aus, einen Verhütungscomputer der angeblich so sicher sein soll wie die Pille – na mal sehen, ne? The good news is, eine von euch kann mitmachen – ich schenke dir auch so ein Dings im Wert von 290 Euro. Verrate mir einfach bis 17.12. in den Kommentaren, was dich an deinem Körper stolz macht. Teilnahmeberechtigt sind alle Vulveninhaberinnen aus Deutschland und Österreich ab 18 Jahren, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Danke an Daysy
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für die nette Zusammenarbeit!

Dieser Text stellt übrigens keinerlei medizinische Beratung dar. Ich wünsche Dir allerdings, dass dein Frauenarzt kompetenter ist als die Nulpe, die ich da mit Anfang 20 vor mir hatte.

Titelfoto: Aaron Tsuru (c) Tsurufoto.com

 

Der Beitrag Tschüssikoffski, Pille – meine Zweitpubertät und ich erschien zuerst auf Lvstprinzip.


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